suedkurier.de - 13.01.2006
Jedes Jahr aufs Neue der Kulturschock

Seit 15 Jahren hilft Inge Sterk in einem Krankenhaus in Burma

Radolfzell

In wenigen Tagen fliegt Inge Sterk nach Thailand. Dort, unmittelbar an der Grenze zu Burma (Myanmar), wird sie für einige Wochen dazu beitragen, dass Menschen, die vor der burmesischen Militärdiktatur geflohen sind, medizinische Versorgung erhalten.

VON CLAUDIA ANTES-BARISCH
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Radolfzell - Inge Sterk wird Frauen zu Hebammen und Männer zu so genannten Medics ausbilden und auf diese Weise Multiplikatoren für die dringend notwendige Hilfe im thailändisch-burmesischen Niemandsland schaffen. Die Flüge nach Südostasien sind für Inge Sterk seit 15 Jahren fester Bestandteil ihres Lebens. Alljährlich im Winter drängt es sie nach dem kleinen thailändischen Grenzort Mae Sot, wenige Kilometer vor der Grenze nach Burma. Denn nirgends, weiß sie, braucht man sie mehr als hier. Im Gepäck hat sie immer einige tausend Euro Spendengelder, die vor Ort für medizinische Instrumente und vor allem für die Anschaffung von Medikamenten umgesetzt werden, die in Thailand günstig zu bekommen sind. Neben kleinen Geschenken für ihre asiatischen Freunde bringt sie außerdem einige Stangen Zigaretten mit: Problemlöser Nummer eins bei Auseinandersetzungen mit Behörden. Damit hat Inge Sterk inzwischen eine Menge Erfahrung.

Sie habe schon immer in der Entwicklungshilfe tätig sein wollen, sagt sie. In Nussdorf bei Überlingen aufgewachsen, lebte und arbeitete Inge Sterk längere Zeit im Schwarzwald als Krankenschwester und Hebamme. Vor vier Jahren zog es sie zurück an den See, nach Radolfzell. Ihre ersten Versuche in der Entwicklungshilfe nennt sie im Nachhinein enttäuschend. Bis sie Burma kennen lernte. Nachdem Inge Sterk etliche südostasiatische Länder bereist hatte, bekam sie die Gelegenheit, sich ein Jahr lang in einem Meditationszentrum in der burmesischen Hauptstadt Rangun aufzuhalten. Burma wurde ihr Land. "Ich war verzaubert", schwärmt sie noch heute. Doch das abgeschirmte Leben der vom Buddhismus und der Landeskultur begeisterten Touristin hatte wenig zu tun mit der Realität in dem krisengeschüttelten Staat. Als im Jahr 1988 die Militärs Tausende von Oppositionellen brutal niedermetzelten, wurde Inge Sterk aus ihrem Traum gerissen. Sie folgte dem großen Strom der burmesischen Flüchtlinge und landete in Mae Sot, dem thailändischen Grenzort, wo die ebenfalls aus Burma geflohene Ärztin Cynthia Maung gerade versuchte, ein Spital aufzubauen. Und eine Hebamme brauchte.

"Das war die Begegnung meines Lebens," stellt Inge Sterk fest. "Ich wusste: Ich muss hier helfen." Ihr Leben änderte sich schlagartig. Von nun an war es geteilt: In Monate, die sie arbeitend und Spenden sammelnd in Deutschland verbrachte und in die Monate, in denen sie in Thailand und Burma medizinische Hilfe leistete, "internationale Solidaritätsarbeit", wie sie es nennt.

In den 15 Jahren, seit Inge Sterk nach Mae Sot kommt, ist der Flüchtlingsstrom aus Burma nie abgerissen. Die Menschen flüchten vor den Militärs, die ganze Dörfer in Schutt und Asche legen, sie flüchten vor Raub, Folter und Vergewaltigung. Burma gehört heute zu den ärmsten Ländern der Welt. Seine "Markenzeichen" sind unzählige Kindersoldaten, eine hohe Säuglingssterblichkeit, Korruption, Menschenrechtsverletzungen jeder Art. Die völlig rechtlosen, weil illegalen Flüchtlinge irren heimatlos in den Bergen beiderseits der Grenze umher oder werden in Thailand als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. Viele Frauen landen in der Prostitution. Doch damit nicht genug der Schrecklichkeiten: Das gesamte Gebiet entlang der Tausende Kilometer langen Grenze ist vermint. Amputationen gehören für Mediziner hier zum Tagesgeschäft.

Cynthia Maung, der Ärztin aus Burma, wurde unter anderem für ihre Arbeit der Magsaysay-Preis, eine Art asiatischer Nobelpreis, durch den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter überreicht. Die Mae-Tao-Klinik in Mae Sot ist nach einfachsten Anfängen in all den Jahren zu einem weitläufigen Gebäudekomplex angewachsen, in denen Patienten aller Art behandelt werden. Die Behandlung erfolgt unentgeltlich und wird über Spenden finanziert. Eine Besonderheit ist das System der so genannten "Medics". Zusammen mit der Ärztin hat Inge Sterk kontinuierlich junge Menschen zu medizinischen Hilfskräften oder Hebammen ausgebildet. Auf diese Weise kam eine Art Friedenstruppe zusammen, die dank ihres medizinischen Basiswissens in der Lage ist, eine Geburt zu leiten, Wunden zu versorgen, Malaria und andere übliche Krankheiten zu diagnostizieren und zu behandeln und einiges mehr. Viele von ihnen haben Fremdsprachen erlernt und den Umgang mit dem Computer. Vor allem aber haben sie einiges erfahren über Toleranz und Demokratie. Ein Teil der Medics kehrt nach der Ausbildung zurück nach Burma und versorgt die Bevölkerung auf den Dörfern. Viele bleiben im Grenzgebiet und kümmern sich unter ständiger Lebensgefahr als "Backpacker-Medics" um die Heimatlosen in den Bergen oder gründen kleine Zweig-Kliniken. Aus Bambusstangen, Brettern und Plastikplanen.

Für Inge Sterk ist die Arbeit in Mae Sot ein großer persönlicher Gewinn. Dass sie keiner Organisation angehört, ist ihr gerade recht. "Ich gehe als Privatperson, dadurch gibt es viel mehr Möglichkeiten." Lachend bekennt sie: "Ich arbeite mit Illegalen in einer illegalen Klinik und wir machen illegale Sachen. Aber es ist egal, ich mache meine Arbeit." Mit den jungen Frauen, die sie zu Geburtshelferinnen ausgebildet hat, verbindet sie eine tiefe Freundschaft: "Sie sind wie meine Töchter." Inge Sterk hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit ihnen zusammen eine Art Lobbyarbeit gegen die verkrusteten Strukturen zu betreiben, die sich hier besonders in der absoluten Vorrangstellung des Mannes ausdrücken. Sie kämpft gegen Frühehen, gegen AIDS, für Empfängnisverhütung und gegen Vergewaltigungen, indem sie den Frauen zeigt, wie sie Stärke demonstrieren und wie sie potentielle Vergewaltiger austricksen können. Auf diese Weise baut die deutsche Krankenschwester neben ihrer medizinischen Tätigkeit an der Grenze zu Burma ein regelrechtes Frauen-Netzwerk auf. Kontinuität in der Entwicklungszusammenarbeit, das zeigt sich hier wieder deutlich, ist für den Erfolg ausschlaggebend. In der Heimat hat Inge Sterk auf die gleiche Weise ein Spenden-Netzwerk aufgebaut. Ganz alleine - aber mit großer nachhaltiger Wirkung. Freudig erzählt sie von ihrem jüngsten Erfolg: Eine Südtiroler Hilfsorganisation hat durch ihre Vermittlung die Finanzierung und Weiterführung der Schule übernommen, die durch Medics in den burmesischen Bergen gegründet wurde, den Initiatoren inzwischen aber wegen des großen Zulaufs über den Kopf zu wachsen drohte. Inge Sterk ist 50 Jahre alt und mit ihrem Leben zufrieden. Hier, in Radolfzell, lebt sie sehr bescheiden. Eine Matratze, ein paar Bücher, ein Fahrrad. Mehr, sagt sie, benötige sie nicht. Das Geld, das sie verdient, braucht sie für ihr anderes Leben. Sicher sei es jedes Mal ein "umgekehrter Kulturschock", wenn sie von ihrer Arbeit in Südostasien in das überreglementierte Deutschland komme. Aber die zeitweilige Distanz sei wichtig zum "Stimulieren und Reflektieren" - und zum Auftanken eigne sich der See allemal. Zum Auftanken von Kraft und Mut beispielsweise.

Infos und Kontaktaufnahme unter

www.mitwelt-netzwerk.de

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